Tage des Zorns

Tages des Zorns
Es geht dieser Tage eine enorme Umwälzung durch Nordafrika und Teile des nahen Ostens. Jahrzehnte alte Herrschaftsepochen wurden binnen weniger Wochen gestürzt, die Bevölkerung geht zu tausenden und abertausenden auf die Straße. Zuerst fielen Tunesien, Ägypten und nun auch Libyen. Auch in Bahrain und Jemen gibt es Demonstrationen gegen die Regierung, ja auch im nicht-arabischen Iran flackern sie wieder auf. Diese Proteste und Aufstände besitzen eine breite Basis in der Bevölkerung, selbst Teile der Armee, wenn sicherlich bedingt auch aus taktischen Gründen, laufen auf die revolutionäre Seite über oder stellen zumindest ihr Feuer gegen die Protestierenden ein. Wir als ASJ-Berlin stellen uns auf die Seite der revoltierenden, unzufriedenen Bevölkerung, möchten aber gleichzeitig zur Wachsamkeit aufrufen:

Die eigentlichen Revolutionen in diesen Ländern stehen noch aus, denn wie sie letztendlich verfasst und wahrscheinlich auch regiert sein werden, wird sich erst in den nächsten Wochen und Monaten herausstellen. Fakt ist, dass im Maghreb und wahrscheinlich auch im Orient ein enormes Machtvakuum entsteht. Und dieses Vakuum ist ein Anzugpunkt für politische Machtblöcke jeglicher Couleur. Die westlichen Industriestaaten für ihren Teil werden ihr Interesse daran haben aus diesen Staaten liberale Marktdemokratien zu formen und hüllen dieses Vorhaben unter ihren gewohnten Propagandamantel „der Freiheit“. Damit sind in erster Linie Wahlfreiheit und Handelsfreiheit gemeint, jene Freiheiten die an den grundsätzlichen Problemen der dortigen Bevölkerung herzlich wenig ändern. Denn gewiss gingen die Menschen dieser aufständischen Länder gegen die despotische Führungsweise ihrer Regierungen auf die Straße, doch ist es auch vor allem die soziale Schieflage, die die Menschen hinaus treibt. Die Industriestaaten verfolgen bei der Errichtung einer kapitalistischen Demokratie in diesen Ländern letztendlich nur die Möglichkeit, leichter in ihre Märkte eindringen zu können und höhere Absätze zu erzielen. Dieser Fakt könnte natürlich von nicht minder despotischen IslamistInnen ausgenutzt werden. Setzen sie sich an die Macht, so wird das Konfrontationsrisiko und die langfristige Gefahr eines großen Krieges erheblich (zwischen arabischer und „westlicher“ Welt). Aber gerade da es sich nach dem Sturz der alten Regime vorrangig nun um soziale Missstände dreht, könnte eine fast schon verloren geglaubte politische Idee in dieser Region wieder populär werden: der Sozialismus. Nur dieser ist leichter gesagt als getan. Es bezeichnen und bezeichnete sich eine Reihe arabischer Diktatoren als „Sozialisten“ oder „islamische Sozialisten“, doch war dies mehr eine Maske als eine Tatsache, aber auch ein autoritärer und militaristischer Sozialismus nach sowjetischem Vorbild dürfte wenig attraktiv sein für diese Bevölkerung, die sich doch erst gerade eben von ihren alten Despoten losgesagt hat.

Ideal wäre natürlich ein antiautoritärer Sozialismus. Da dieser aber nur mit einer breiten, kulturell und kämpferisch erprobten Basis umgesetzt werden kann, wäre es realitätsfern in diesen Staaten in nächster Zeit eine soziale Revolution zu erwarten. Nichtsdestotrotz ist es ebenso wichtig wie nützlich, wenn sich die Bevölkerung schon jetzt eigens in der Verantwortung ihres Schicksals sieht und sich basisgewerkschaftlich selbstorganisiert und weitläufig vernetzt, um politische Machtkalküle von oben durch die geschlossene ökonomische Aktion von unten, wie den Generalstreik, abzuwehren und die Politik nach ihren Bedürfnissen zu dominieren. Vorrangig sind es syndikalistische, pragmatische Ansätze und Aktionen, die die Menschen dieser Länder dieser Tage brauchen, weniger sind es theoretische Utopien. Für eine vereinigte und selbstbestimmte ArbeiterInnenschaft in Maghreb und Orient!

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1 Antwort auf „Tage des Zorns“


  1. 1 Tage des Zorns | Wir sind ein Bild der Zukunft Pingback am 25. März 2011 um 18:10 Uhr
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